Dienstag, 27. August 2013

Ein letzter Gruß aus Argentinien

Ein letztes Mal melde ich mich nochmal aus Argentinien, bevor es am Samstag nach Deutschland zurückgeht. Es ist unglaublich, wie schnell das Jahr vorbeiging... Es wird auf jeden Fall nicht leicht werden, die Leute hier zurückzulassen, einfach weil ich mir nicht sicher bin, hier in den kommenden Jahren nochmal her zu kommen. Eine so lange Reise werde ich kaum mal eben machen, nur um ein paar Tage alte Freunde wiederzusehen, aber vielleicht ergibt es sich ja mal, hier ein Semester lang zu studieren, etwas was ich mir gerade gut vorstellen könnte, da ich in diesem Jahr das Leben in Buenos Aires, wegen den Menschen und der Stadt lieben gelernt hab. Aber man weis ja nie, in ein paar Jahren sind dann vielleicht auch ungekannte Städte der größere Reiz...
In diesem letzten Eintrag also noch etwas zu meiner Arbeit, die hier glaube ich bishe, viel zu kurz gekommen ist, neben all den Reisen und Erfahrungen die ich beschrieben hab. Aber es ist natürlich immer schwer, über das Alltägliche, was das Hausmeistern hier ja für mich geworden ist, etwas zu schreiben, da man es nie als so besonders wahrnimmt.
Meine Arbeit hat mir auf jeden Fall das ganze Jahr große Freunde bereitet und mein vorheriges Gefühl, dass mir praktische Arbeit gut gefallen würde, hat sich mehr als bewahrheitet. Das lag natürlich auch daran, das mir ziemliche Freiheiten gelassen wurden bei dem was und wie ich es gemacht habe. Mir fällt es immer schwer, mich daran zu erinnern, was ich den ganzen Tag so gemacht hat, da es so viele kleine Handgriffe, Reparaturen und Sachen waren, das man sie nicht groß behält. Alles in allem bestand es aber meistens aus den unterschiedlichsten 
Arbeiten mit Holz: Reparaturen von Tischen, Bänken, Böden, der Bau von Schränken, Regalbrettern, Fußleisten, das Schleifen, Sägen, Bohren und lackieren von verschiedensten Holzflächen in der Schule, 
Arbeiten mit Eisen: wir haben viel geschweißt, mit der Flex gearbeitet und dabei unterschiedlichste Spielgeräte (z.B. einen "Hau-den-Lukas"), Bänke, Schrankteile, Handläufe, Wellblechdächer, Grills, Fenstergitter etc hergestellt und repariert. Dabei auch ein von mir entworfener und aus Alteisen und einer Kabelrolle zusammengeschweißter Schlauchwagen (siehe Bild unten)
unterschiedlichste Arbeit mit Elektrik: vom Reparieren von Geräten wie elektrischen Heizungen, Strahlern, Ventilatoren bis hin zum Verlegen von Leitungen, Telefonkabeln, Installieren von Lampen, Sicherungen, Steckdosen. Dabei wurde mir immer erstaunlich freie Hand gelassen, obwohl es einerseits ein öffentliches Gebäude ist und ich andererseits kaum Grundlagen hatte. Aber durch Ausprobieren, viele Kurzschlüsse und nochmehr Stromschläge, hat letztendlich alles hingehauen und auch bis heute funktioniert. Ansonsten gab es natürlich auch ständig die sauschwere Bühne auf und ab zu bauen, hunderte Tische und Stühle durch die Schule zu tragen, die ständig kaputten Fliesen neu zu legen, so ziemlich alle Wände mindestens einmal zu streichen und auch endlos oft Schrauben, Dübel, Bohrer, Schweißelektroden, Rohre, Schläuche, Kabel, Farben und eben alles, was man sonst noch aus dem Baumarkt gebraucht hat, zu kaufen. Immer wieder die Gelegenheit, mein Spanisch an den verschiedensten Verkäufern auszuprobieren und die wildesten Vokabeln zu lernen, denn wer lernt schon vorher im Alltagsgebrauch Wörter wie Türschanier, Dichtungsring oder die Bezeichnungen der verschiedenen Aufsätze einer Flex. Man kann sich also vorstellen, das mein Spanisch, neben den vielen unglaublichen argentinischen Alltagsschimpfwörtern, vor allem von Vokabeln wie aus einem Baumarktkatalog geprägt ist. 
Zur argentinischen Schimpfkultur: Für sowohl Erstklässlerals auch seriöse Erwachsenen gehört es hier zum guten Ton, bei jeder nichtigsten Gelegenheit wahlweise die Schwester oder Mutter des Gegenübers, manchmal aber auch nur die hiesigen Papageien, aufs wildeste zu beleidigen und zu verfluchen. Keinem scheint hier wirklich aufzufallen, was man da so von sich gibt und so nimmt es auch keiner je wirklich zur Kenntnis, was einem der andere so alles an den Kopf wirft. Außerdem wird jeder gute Bekannte öfter als Idiot (boludo) bezeichnet, als mit seinem Namen gerufen. Eine Eigenschaft wofür die Argentinier in ganz Südamerika bekannt sind, was ihnen aber sonst keiner nachtut, wie einem in Bolivien und Peru sofort auffällt. Andererseits begrüßt man sich aber immer, egal ob mit Gleichaltrigen oder Älteren mit Kuss auf die Wange. Etwas, was ich mittlerweile völlig automatisch tue, was ich mir aber in Deutschland wahrscheinlich schnell abgewöhnen sollte, um nicht unangenehm anzustoßen;-)
Aber zurück zur Arbeit, ich glaub ich kann nach diesem Jahr nicht von mir behaupten, TÜVreife Schweißnähte schweißen zu können, noch hunderprozentsichere Elektrik zu legen, noch ein Schreiner zu sein, geschweige denn jemals Geld für meine Fliesenlegerarbeiten nehmen zu können. Was ich aber erreicht hab ist, dass ich alles schonmal gemacht oder versucht hab, die Schwierigkeit erkannt hab und es auch zu einem gewissen Grad an Fertigkeit gebracht hab, der mir sicher noch in vielen Situationen helfen wir und mir vor allem die Scheu genommen hat, etwas selber zu machen. Etwas, was glaube ich viele daran hindert, es überhaupt zu versuchen. Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass man mit den richtigen Werkzeugen eigentlich alles, selbst die fimschigsten Elektroprodukte, noch retten kann.
Zum Schluss noch zwei Anekdoten aus den letzten Wochen:
Nachdem ich nach meiner Reise Montags wieder zur Arbeit gekommen bin, hat mir mein Chef erzählt, dass die alte Schulgründerin am Vortag verstorben sei und jetzt in der Schule aufgebahrt läge, um die vorgeschriebene Zeit der Totenwache einzuhalten. Man denkt jetzt natürlich, dass so etwas, trotz Schulferien, in einem stillen, geschlossenen Raum geschehen würde. Als ich dann aber auf seine Bitte, mit Leiter über der Schulter und Glühbirnen in der Hand im den ersten Stock vom Unterstufengebäude Lampen reparieren wollte, wunderte ich mich schon über die vielen Kerzen auf der Treppe. Oben angekommen sah ich dann, dass die Tote mitten im Flur aufgebahrt war, kein Mensch da war und die kaputten Lampen genau um die arme Frau herum lagen. Nach einem kurzen Moment der Verwirrung habe ich mich dann erdreistet, die Totenruhe zu stören und trotzdem meine Arbeit zu verrichten. Aber etwas fehl am Platz hab ich mich doch gefühlt...
Das andere ist mir auf der Klassenfahrt mit der 5. Klasse passiert. Es waren ein paar Väter dabei und wir haben nach der Hinfahrt mit dem Fahrrad, gegen die Kinder gekickt, wo mir schon auffiel, dass einer der Männer überdurchschnittlich gut spielen konnte. Die Nacht lang, hab ich dann mit ihm zusammen matetrinkenderweise ca. 10 kaputte Reifen geflickt und am nächsten Tag bei der Fahrradtour fiel mir auf, wie verschiedene Menschen die wir trafen, Bilder mit ihm gemacht haben. Als ich hinterher der Lehrer gefragt hab, wer denn dieser Vater gewesen wäre, wurde mir eröffnet, dass es sich um den erfolgreichsten Spieler und späteren Trainer des zweitgrößten argentinischen Vereins gehandelt hat, der hier schon die südamerikanische Championsleague gewonnen hat und 1998 bei der WM für Argentinien gespielt hat. Ist ja ganz interessant, wen man dann hier auf Klassenfahrten so alles kennenlernt.
 Dann wars das jetzt aus Buenos Aires und ich denke man sieht sich in den nächsten Wochen in Deutschland. 

Hasta luego, buenas noches y un abrazo,
David


Eine Bank die ich geschweißt und mit Holz versehen hab vor einem Pavillion den wir gebaut haben

Bänke, die wir für den Essensaal gebaut haben


trabajando...





boludeando

der Schlauchwagen aus Eisenresten und Kabelrolle

Der Pförtner und meine "Chef", die zwei mit denen ich auf der Arbeit am meisten zu tun hatte